(jh) Eine Künstlerin, die mit düsteren Bildern gesellschaftliche Denkmuster hinterfragt. Ein Gitarrist, der musikalische Traditionen bewahrt und zugleich neue Wege beschreitet. Cinzia Villa und Nando Reinhardt haben am Dienstagabend im Rittersaal des Straubinger Schlosses den Kulturförderpreis 2026 der Stadt Straubing und der Dr. Franz und Astrid Ritter-Stiftung erhalten. Vor rund 70 Gästen wurde deutlich, wie unterschiedlich künstlerische Wege verlaufen können – und wie viel Mut, Ausdauer und Leidenschaft hinter ihnen stecken.

Von links: Die Vorstandsvorsitzende der Ritter-Stiftung Carolin Ahrend, die Preisträgerin Cinzia Villa, der Preistäger Nando Reinhardt und Bürgermeister Dr. Albert Solleder – Foto: Haas

Eine Auszeichnung, die Mut machen soll

Bürgermeister Dr. Albert Solleder würdigte die beiden Preisträger als Persönlichkeiten mit besonderem Mut, großer Ausdauer und schöpferischer Kraft. Der Kulturförderpreis sei weit mehr als eine Anerkennung bereits erbrachter Leistungen. Er solle den Ausgezeichneten auch Rückenwind für ihre weitere Entwicklung geben.

Seit 1985 zeichnet die Stadt Straubing gemeinsam mit der Ritter-Stiftung junge Kulturschaffende aus. Dabei geht es nicht allein um künstlerisches Können, sondern ebenso um eigenständige Ideen, neue Perspektiven und die Bereitschaft, gewohnte Wege zu verlassen.

Genau solche jungen Künstler*innen brauche die Gesellschaft, machte Solleder deutlich. Menschen, die nicht nur ihr handwerkliches Können unter Beweis stellen, sondern mit ihren Arbeiten Denkanstöße geben und neue Perspektiven eröffnen.

An Villa und Reinhardt gewandt betonte er: „Sie beide zeigen auf ganz unterschiedliche Weise, wie wichtig die Freiheit ist, künstlerisch eigene Fragen zu stellen, Neues auszuprobieren und mit der eigenen Arbeit Menschen zu erreichen.“

Dabei erinnerte der Bürgermeister auch an einen Mann, der für die Straubinger Musikszene über viele Jahre eine besondere Bedeutung hatte: Fred Dick, den im vergangenen Jahr verstorbenen Betreiber des Jazzclubs The Raven. Dort sammelte Nando Reinhardt bereits früh musikalische Erfahrungen und entwickelte seine Begeisterung für den Jazz.

Das Raven sei für zahlreiche Künstler ein Ort der Begegnung gewesen, an dem sie sich ausprobieren und weiterentwickeln konnten. Nicht selten habe der Club als Sprungbrett für ihre weitere Laufbahn gedient. Reinhardt habe in seiner Bewerbung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er mit der Auszeichnung auch das Andenken an Fred Dick ehren wolle.

Kultur kann Brücken zwischen Menschen schlagen

Die Vorstandsvorsitzende der Dr. Alfred und Astrid Ritter Stiftung, Carolin Ahrendt. – Foto: Haas

Carolin Ahrendt, Vorstandsvorsitzende der Dr. Franz und Astrid Ritter-Stiftung, bezeichnete die Preisverleihung als einen besonders schönen Anlass. Die Förderung junger Künstler habe für sie zwei wesentliche Dimensionen: die finanzielle Unterstützung der einzelnen Talente und die gesellschaftliche Wirkung von Kunst.

Die Förderung eröffne jungen Menschen Freiräume für Ideen, Experimente und neue Sichtweisen. Zugleich ermögliche eine öffentliche Preisverleihung, dass Künstler mit ihren Arbeiten sichtbar werden und mit anderen Menschen in Austausch treten.

„Ein Musikstück, ein Bild, eine Skulptur kann einen Menschen berühren, obwohl derjenige vielleicht einen ganz anderen Hintergrund hat als der Künstler“, sagte Ahrendt. Man müsse Kunst nicht immer vollständig verstehen und auch nicht dieselbe Meinung vertreten. Gerade darin liege ihre besondere Stärke.

„Sie öffnet Türen und erweitert unseren Blick. Sie kann uns dazu bringen, etwas aus einer anderen Perspektive zu sehen.“ Kunst dürfe Fragen stellen, Widerspruch auslösen und Menschen aus gewohnten Denkmustern herausholen.

Mit nachdenklichen Worten ging Ahrendt auf die gesellschaftliche Entwicklung ein. Es irritiere sie zunehmend, wie häufig von einer gespaltenen Gesellschaft gesprochen werde. Umso wichtiger sei es, bewusst andere Akzente zu setzen und Gelegenheiten zu schaffen, bei denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen.

Kultur könne Brücken zwischen Generationen, unterschiedlichen Lebenswelten und Menschen mit verschiedenen Vorstellungen schlagen. „Kulturförderung ist also in meinen Augen nicht nur Selbstzweck, sondern immer auch eine Investition in eine offene und vielfältige Gesellschaft.“ Kunst lebe schließlich davon, gesehen, gehört, erlebt und diskutiert zu werden.

Cinzia Villa: Ein ungewöhnlicher Weg zur Kunst

Barbara Muhr hält die Laudatio auf Cinzia Villa – Foto: Haas

Dass ein künstlerischer Lebensweg keineswegs geradlinig verlaufen muss, machte die Laudatio auf Cinzia Villa deutlich. Die Würdigung übernahm die Künstlerin Barbara Muhr, die 2017 selbst mit dem Straubinger Kulturförderpreis ausgezeichnet worden war.

Villa wurde 1993 in Deggendorf geboren und verbrachte den Großteil ihrer Kindheit und Jugend in Straubing. Dass sie einmal an einer renommierten Kunstakademie studieren würde, war lange Zeit keineswegs selbstverständlich.

Bereits mehrere Jahre arbeitete sie als Tätowiererin, als sie 2019 eine weitreichende Entscheidung traf: Sie wollte die Hochschulreife nachholen, um sich die Möglichkeit eines Studiums zu eröffnen.

2022 bewarb sie sich an der Universität Regensburg für den Studiengang Bildende Kunst und Ästhetische Erziehung. Die Zusage überraschte sie nach den Worten ihrer Laudatorin offenbar selbst mehr als ihr Umfeld.

In Regensburg beschäftigte sich Villa intensiv mit den Grundlagen von Malerei und Grafik und beteiligte sich an ersten Ausstellungen. Schließlich wagte sie den nächsten Schritt: die Bewerbung an der Akademie der Bildenden Künste in München. 2025 erhielt sie dort einen Studienplatz.

Düster, surreal und voller schwarzem Humor

Barbara Muhr beschrieb Villas künstlerische Arbeiten als technisch vielseitig, zugleich aber von einer unverwechselbaren Grundstimmung geprägt.

Düster und unheimlich, kühl und surreal, gleichzeitig emotional und wild – mit diesen Gegensätzen charakterisierte die Laudatorin die Bildsprache der jungen Künstlerin. Besonders auffällig sei ein schwarzer, bisweilen zynischer Humor. Dieser stehe in engem Zusammenhang mit Villas feministischer Haltung und ihrem Bestreben, überlieferte patriarchale Bilder und Vorstellungen kritisch zu hinterfragen.

Vor allem in ihren grafischen Arbeiten werde diese Auseinandersetzung sichtbar. Villa beschäftigt sich regelmäßig mit Linolschnitt und Radierung. Auch mit Siebdruck arbeitet sie und verbindet dabei klassische Drucktechniken mit einer freien, experimentellen Anordnung ihrer Motive.

Den Kulturförderpreis Straubing 2026 überreichten an Cinzia Villa (Mitte) die Vorstandsvorsitzende der Ritter-Stiftung, Carolin Ahrendt und Bürgermeister Albert Solleder – Foto: Haas

In einer ihrer Werkserien setzt sie sich mit der gesellschaftlichen und medizinischen Einordnung psychischer Erkrankungen und dem Begriff des Wahnsinns auseinander. Ihre Kunst will damit nicht nur ästhetisch wirken. Sie fordert zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen, Zuschreibungen und persönlichen Verletzlichkeiten heraus.

Besonders persönlich wurde Barbara Muhr, als sie sich unmittelbar an die Preisträgerin wandte. Sie freue sich zu sehen, wie Villa mit jeder Arbeit und jeder neuen Serie mehr Selbstbewusstsein entwickelt habe, um Verletzlichkeit und dunkle Geheimnisse in ihrer Kunst sichtbar zu machen. Die Laudatio zeichnete damit das Bild einer Künstlerin, die sich ihren Weg nicht ohne Zweifel erarbeitet hat, inzwischen aber eine eigenständige und konsequente künstlerische Sprache entwickelt.

Nando Reinhardt: Zwischen Tradition und neuen Wegen

Laudator David Weiss sprach über den Preisträger Nando Reinhardt – Foto: Haas

Einen ganz anderen künstlerischen Weg stellte David Weiß in seiner Laudatio auf Nando Reinhardt vor. Der Musiker und Organisator des Straubinger Django-Reinhardt-Festivals kennt den Preisträger nicht nur aus der gemeinsamen musikalischen Arbeit. Die beiden sind Cousins und gemeinsam aufgewachsen.

„Uns verbindet nicht nur die Familie, sondern auch die Liebe zur Musik Django Reinhardts und zum Gypsy-Jazz“, erklärte Weiß.

Nando Reinhardt habe sich über viele Jahre hinweg als Gitarrist einen eigenen musikalischen Weg erarbeitet. Seine besondere Stärke liege darin, die Tradition seiner Musik zu bewahren und zugleich neue musikalische Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen.

„Was ihn dabei besonders auszeichnet, ist seine Fähigkeit, die Tradition unserer Musik zu bewahren und gleichzeitig neue musikalische Wege zu gehen“, sagte der Laudator.

Reinhardts Können und seine musikalische Entwicklung hätten inzwischen auch über die Region hinaus Anerkennung gefunden.

Als Beispiele nannte Weiß den Auftritt beim Django-Drom-Festival in Wien, die Mitwirkung beim jüngsten Django-Reinhardt-Festival in Straubing sowie die Zusammenarbeit mit dem bekannten Musiker und Entertainer Helge Schneider an dessen Album „It’s Django Time“. Diese Stationen verdeutlichten, wie vielseitig sich Reinhardt als Künstler weiterentwickelt habe.

Der Jazzclub The Raven als musikalische Heimat

Eine wichtige Rolle in Reinhardts musikalischer Entwicklung spielte der Straubinger Jazzclub The Raven. Dessen früherer Betreiber Fred Dick förderte junge Musiker und gab ihnen Gelegenheit, vor Publikum aufzutreten und Erfahrungen zu sammeln.

David Weiß erinnerte mit spürbarer persönlicher Verbundenheit an den Verstorbenen. „Fred hat Nando unterstützt, und er hat auch uns unterstützt. Er hat uns die Möglichkeit gegeben, zu zeigen, wer wir sind und was in uns steckt.“

Dick sei nicht nur ein wichtiger Mitstreiter gewesen, sondern auch ein lieber Freund. „Solche Menschen sind wichtig. Menschen, die an junge Musiker glauben. Menschen, die Vertrauen schenken, und Menschen, die eine erste Chance geben.“

Oft seien es gerade solche Begegnungen, die einen musikalischen Weg entscheidend prägen. Die Würdigung von Fred Dick verlieh der Preisverleihung damit auch eine besondere Erinnerung an einen Mann, der die Straubinger Kulturszene über viele Jahre mitgestaltet hatte.

Eine Auszeichnung mit besonderer persönlicher Bedeutung

Bürgermeister Dr. Albert Solleder (links) überreichte die Urkunde zum Kulturförderbescheid an Nando Reinhardt – Foto: Haas

Dass die Ehrung für David Weiß mehr als eine gewöhnliche Laudatio war, machte er mit einem persönlichen Rückblick deutlich. „Nando und ich sind Cousins. Wir sind gemeinsam aufgewachsen, und ich durfte seinen Weg auch persönlich miterleben.“

Deshalb bedeute es ihm besonders viel, nun miterleben zu dürfen, dass Reinhardts musikalische Arbeit in der gemeinsamen Heimatstadt diese Anerkennung finde. „Denn Nando ist nicht nur ein Musiker, der aus Straubing kommt. Er ist ein Künstler, der seine musikalischen Wurzeln mit Stolz weiterträgt und ihnen durch seine eigene Arbeit eine Zukunft gibt.“

Die Auszeichnung würdige nicht nur bisherige Leistungen, sondern solle Reinhardt zugleich ermutigen, seinen musikalischen Weg konsequent fortzusetzen. Weiß erinnerte daran, wie viel Leidenschaft und Arbeit hinter einer künstlerischen Entwicklung stecken. Kultur lebe von Menschen, die etwas schaffen, ihre Begeisterung weitergeben und damit ihre Heimatstadt bereichern. Dazu brauche es allerdings auch Menschen und Institutionen, die solche Leistungen erkennen und unterstützen.

Zwei Lebenswege und eine gemeinsame Botschaft

So unterschiedlich die Kunst von Cinzia Villa und die Musik von Nando Reinhardt auch sind, die beiden Preisträger verbindet mehr als die Auszeichnung. Beide haben sich ihre künstlerischen Wege erarbeitet, beide entwickeln eigene Ausdrucksformen und beide zeigen, dass Kunst von persönlicher Überzeugung und dem Mut zur Weiterentwicklung lebt.

Nando Reinhardt (Mitte) gestaltete mit Marcello Reinhardt (links) und David Weiss das Programm – Foto: Haas

Während Villa mit ihren Bildern gesellschaftliche Vorstellungen hinterfragt und auch unbequeme Themen aufgreift, verbindet Reinhardt die musikalische Tradition seiner Familie mit neuen Einflüssen und zeitgemäßen Interpretationen.

Die Verleihung des Kulturförderpreises machte zugleich deutlich, wie wichtig Menschen sind, die junge Talente begleiten, ermutigen und ihnen Möglichkeiten eröffnen. Mit dem Kulturförderpreis 2026 würdigen die Stadt Straubing und die Dr. Franz und Astrid Ritter-Stiftung zwei Künstler, deren Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen ist.

David Weiß brachte diesen Gedanken am Ende seiner Laudatio auf den Punkt. Er wünschte seinem Cousin weiterhin viel Freude an der Musik, spannende Begegnungen und Erfolg bei seinen künftigen Projekten. Und er dankte der Stadt für die Anerkennung und für die Unterstützung der Kultur und jener Menschen, „die sie lebendig machen“.