(jh) Ein verregneter Acker, aufgeweichte Erde, frisch gezogene Furchen. Dort, wo andere nur Boden sehen, blickt Fritz Fuchs genauer hin. 2012 macht er auf dem Recksberg bei Haibach, nahe Mitterfels, einen Fund, der weit über einen Zufall hinausgeht. Innerhalb weniger Begehungen stößt er auf sechs steinzeitliche Artefakte – auf engstem Raum.
Darunter ein Steinbeilfragment, dessen Rundung für den Holzgriff noch deutlich erkennbar ist, sowie fünf Feuersteinabschläge. Einer davon könnte die Vorstufe einer Pfeilspitze oder eines Schabers sein. Für Fuchs ist schnell klar: Das sind keine zufälligen Einzelstücke. Hier muss mehr gewesen sein.
Der Fundort liegt auf zwei benachbarten Äckern in der Nähe eines Flussbachs – eine Lage, die bereits für jungsteinzeitliche Siedler attraktiv gewesen wäre. Regen und Ackerbearbeitung hatten die Stücke freigelegt. Was für den Landwirt nur Steine im Feld sind, ist für Fuchs ein Hinweis auf frühe Besiedlung.
Die Funde werden dem Kreisarchäologen Dr. Ludwig Husty vom Landratsamt Straubing-Bogen vorgelegt. Husty bestätigt die Echtheit der Artefakte und datiert sie ins Neolithikum – rund 6000 Jahre alt. Die hohe Funddichte auf kleinem Raum wertet er als Hinweis auf eine mögliche Raststelle oder sogar eine Siedlung. Die Stücke werden verwahrt.
Für Fritz Fuchs ist damit eine persönliche Überzeugung untermauert. Seit Jahren beschäftigt ihn die Frage, ob der Bayerische Wald tatsächlich – wie oft behauptet – erst im frühen Mittelalter durch Mönche dauerhaft besiedelt wurde. Seine These: Der Wald war schon wesentlich früher von Menschen genutzt. Er geht von Aktivitäten zwischen 4000 und 2000 vor Christus aus.
Die Funde bei Haibach passen in dieses Bild. Sie stehen für menschliche Präsenz lange vor den klösterlichen Rodungen. Für Fuchs ist das kein Angriff auf die Geschichtsschreibung, sondern eine Erweiterung des Blicks. Er sucht gezielt nach weiteren Hinweisen: nach Äxten, Abschlägen, vielleicht auch nach Keramikresten. Auch eine mögliche keltische Doppelschanze in Auhof, Gemeinde Loitzendorf, beschäftigt ihn.
Dabei bleibt er sich seiner Rolle bewusst. Er ist kein Grabungsleiter, kein Universitätsarchäologe. Seine Arbeit ist Prospektion – systematische Feldbegehung mit geschultem Blick. Doch sie ist dokumentiert, geprüft und in fachlichen Kontext eingebettet. Der Unterschied zu bloßem Sammeln liegt im Anspruch, Funde zu melden und einordnen zu lassen.
Fuchs sieht sich in einer langen Tradition engagierter Laien, die durch Beharrlichkeit und Ortskenntnis wissenschaftliche Erkenntnisse möglich machen. Sein Vorteil ist die Vertrautheit mit der Region. Er kennt die Böden, die Geländestrukturen, die alten Wege. Und er weiß, wo Regen und Pflug Geschichte freilegen könnten.
Für ihn schließt sich damit ein Kreis zu seiner heimatgeschichtlichen Arbeit. Während er in Archiven alte Handschriften entziffert, liest er auf dem Acker die Spuren einer noch älteren Zeit. Beides ergänzt sich. Schriftquellen beginnen oft erst im Mittelalter. Steinwerkzeuge erzählen von einer Epoche, in der es noch keine Dokumente gab.
Die Funde von 2012 waren für ihn ein Schlüsselmoment. Nicht, weil sie spektakulär wirken, sondern weil sie ein Puzzlestück liefern. Der Bayerische Wald erscheint nicht mehr nur als spätes Rodungsgebiet, sondern als Raum früher menschlicher Aktivität.
Für die Region bedeutet das mehr als eine Datierungsfrage. Es geht um die Tiefe der eigenen Geschichte. Wenn Menschen hier schon vor Jahrtausenden Rast machten oder siedelten, dann reicht die Verwurzelung weiter zurück als oft angenommen.
Fritz Fuchs sucht weiter. Mit Geduld, mit geschultem Blick und mit Respekt vor dem, was unter unseren Füßen liegt. Geschichte, so zeigt sich, liegt nicht nur in Archiven. Manchmal liegt sie im Acker – und wartet darauf, entdeckt zu werden.
