(obx) Klimawende, Energiewende, Wohnungsbau und eine immer stärker digitalisierte Arbeitswelt: Viele der großen Herausforderungen der kommenden Jahre lassen sich ohne gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker kaum bewältigen. Gleichzeitig verlassen in den kommenden Jahren immer mehr Beschäftigte altersbedingt den Arbeitsmarkt. Umso wichtiger ist die Frage: Entscheiden sich genügend junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk?

Ausbildung sichert das ostbayerische Handwerk – und die Umsetzung wichtiger Zukunftsaufgaben. – Foto: obx-news/Fotoatelier am Hafen

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres am 1. September kommen aus Ostbayern ermutigende Nachrichten. Die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge steigt bereits das vierte Jahr in Folge. Insgesamt 5.386 junge Menschen haben sich 2026 für eine Ausbildung in einem ostbayerischen Handwerksbetrieb entschieden. Das sind 7,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders kräftig fällt das Plus in der Oberpfalz aus: Dort wurden 2.679 neue Lehrverhältnisse abgeschlossen – ein Zuwachs von 10,16 Prozent. In Niederbayern stieg die Zahl um 4,8 Prozent auf 2.707.

Für Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, ist diese Entwicklung kein Zufall. „Wir haben lange dafür gekämpft, das Handwerk von völlig veralteten Klischees zu befreien“, sagt er. Über Jahre hätten Betriebe und Handwerkskammer intensiv daran gearbeitet, Jugendlichen und ihren Eltern zu zeigen, wie vielfältig und zukunftsorientiert eine Karriere im Handwerk heute sein kann.

Zwischen Werkbank, Hightech und Karriere

Denn das Bild vom Handwerk hat sich verändert. Moderne Technik und digitale Anwendungen gehören heute in vielen Berufen ebenso selbstverständlich zum Arbeitsalltag wie klassisches handwerkliches Können. Gleichzeitig bietet eine Ausbildung zahlreiche Möglichkeiten für den weiteren beruflichen Aufstieg – vom Meister über die Selbstständigkeit bis hin zum Studium.

„Handwerk steht für Stabilität und Regionalität und verbindet Tradition und Innovation. Es bietet vielfältige Aufstiegschancen und spannende Perspektiven – heute mehr denn je“, sagt Schmidt.

Auch HWK-Präsident Dr. Georg Haber sieht in der Zukunftssicherheit der Berufe einen wichtigen Grund für das wachsende Interesse. „Ohne Handwerkerinnen und Handwerker sind die großen Zukunftsaufgaben nicht zu bewältigen“, betont er. Gerade für die Klima- und Energiewende seien qualifizierte Fachkräfte unverzichtbar.

Und selbst der rasante Fortschritt bei Künstlicher Intelligenz ändere daran wenig. „Kein Handwerker und keine Handwerkerin wird in absehbarer Zeit durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden“, sagt Haber. Handwerker seien individuelle Problemlöser, die Erfahrungswissen und handwerkliche Tradition mit moderner Technik und digitalen Möglichkeiten verbinden. Eine Ausbildung im Handwerk biete deshalb eine „sinnstiftende und zugleich krisenfeste berufliche Perspektive“.

Nachwuchs aus aller Welt wird wichtiger

Trotz der steigenden Ausbildungszahlen bleibt die demografische Entwicklung eine enorme Herausforderung. Nach aktuellen Prognosen wird in den kommenden zehn Jahren rund ein Drittel der heutigen Erwerbsbevölkerung altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Für das Handwerk bedeutet das: Der eigene Nachwuchs allein wird die entstehende Lücke nicht schließen können.

„Wir sind auf gesteuerte Zuwanderung angewiesen, um unseren Arbeitsmarkt zu stabilisieren – auch im Handwerk“, sagt Schmidt. Die Handwerkskammer engagiert sich deshalb als Kooperationspartner in verschiedenen Projekten, über die Auszubildende und Fachkräfte aus Drittstaaten für ostbayerische Betriebe gewonnen werden.

Wie wichtig diese Entwicklung bereits heute ist, zeigt eine Zahl: 18,5 Prozent der Auszubildenden im ostbayerischen Handwerk haben 2026 keinen deutschen Pass – ihr Anteil ist damit erneut gestiegen.

Fast 700 Lehrstellen sind noch frei

Dass das Handwerk trotz des vierten Ausbildungsplus in Folge weiterhin dringend Nachwuchs sucht, zeigt ein Blick auf das Verhältnis von Bewerbern und freien Stellen. Der Ausbildungsmarkt bleibt ein Bewerbermarkt. Über alle Wirtschaftszweige hinweg kommen in Niederbayern nach Angaben der Arbeitsagentur auf 100 betriebliche Ausbildungsstellen lediglich 69 Bewerberinnen und Bewerber. In der Oberpfalz sind es sogar nur 47.

Auch nach dem offiziellen Ausbildungsstart bestehen deshalb noch viele Chancen. In der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz sind aktuell 692 freie Ausbildungsplätze gemeldet – 304 in Niederbayern und 388 in der Oberpfalz.

Besonders häufig suchen Betriebe noch Nachwuchs als Elektroniker, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Kfz-Mechatroniker und Maurer. Zu den bei Jugendlichen besonders gefragten Ausbildungsberufen zählen Kfz-Mechatroniker, Elektroniker und Anlagenmechaniker SHK.

Und wer zum 1. September noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hat oder sich erst jetzt für eine Lehre entscheidet, ist keineswegs zu spät dran: Ein Einstieg in die Ausbildung ist auch nach dem offiziellen Beginn des Ausbildungsjahres noch jederzeit möglich.